Die Fischerei

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Flundern werden getrocknet

 

 

Text von Margarete Kudnik (Anmerkung zu den Texten)


Die Fischerei, ja um die Fischerei drehte sich alles auf der Nehrung, auch wenn es im Sommer manchmal so schien, als wäre der Kurgast das Wichtigste. Gewiß, schon im Frühjahr wurden die besten Räume für die Gäste instand gesetzt und die Fischerfamilie selbst verkroch sich in die unmöglichsten Ecken, oben auf der "Luch" und wo nur eben eine Lagerstätte aufgeschlagen werden konnte. Das schwere Tagwerk aber ging trotzdem weiter. Es ist erstaunlich, wie weit die Nehrunger mit ihren offenen, verhältnismäßig kleinen, aber sehr tüchtigen Booten auf See hinausfuhren, um Flundern, Steinbutt, Dorsch und auch Lachs zu fischen. Wie häufig der Lachs früher in den Ostseegewässern vorgekommen ist, kennzeichnet ein Hinweis in alten Büchern, wonach das Gesinde verlangte, nicht häufiger als zweimal wöchentlich Lachs essen zu müssen!

Während in Schwarzort hauptsächlich mit Stellnetzen, den Reusen oder Aalwentern gearbeitet wurde (man sah immer wieder die langen Stangen aus dem Haffwasser ragen) betrieben die Fischer von Nidden und Pillkoppen hauptsächlich die Kurenfischerei. In langer Reihe sah man die stattliche Flottille durch das Wasser pflügen, zwischen zwei Kähnen immer das große Schleppnetz, Kurre genannt. Daß jeder Kahn an der Mastspitze einen selbstgeschnitzten, buntbemalten Holzwimpel trug mit dem Zeichen seines Heimathafens und vielerlei Figuren und Gestalten, gab den Kurischen Kähnen immer eine besondere Eigenart, und sie sind schon allein deswegen so viel gemalt und fotografiert worden.

Eisfischerei

Von der größten Bedeutung im Erwerbsleben der Fischer aber war die bei den steifen Winden und der bitteren Kälte so sehr beschwerliche und bei dem brüchigen Eis um die Schacktarpzeit auch sehr gefahrvolle Eisfischerei, eine ausgesprochene Gemeinschaftsarbeit. Auf kleinen Schlitten mit der langen Deichsel als Sicherung bei Einbrüchen wurde oft kilometerweit aufs Haff hinausgefahren. Mit Eisäxten wurde eine große Wuhne geschlagen und das Zugnetz eingelassen, das dann an langen Stangen von kleinen Löchern aus unter der Eisdecke immer weiter geschoben werden musste bis zur "Holung", wo das schwere Netz mit einer Winde mühsam herausgeholt wurde. Dort warteten meist schon die Händler, die "Kupscheller", die in ihren Schlitten oft in abenteuerlicher Fahrt herbeigebraust kamen, um als erste das beste Geschäft zu machen. Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag waren die Fischer so auf dem Eis, nur geschützt durch ein aufgespanntes Windsegel, durch eine entsprechend warme Kleidung (sie sahen alle aus wie die Urweltmenschen) und durch einen kräftigen Schluck aus dem mächtigen Schnapskrug. Der gehörte dazu. Auch die Pferdchen mußten solange aushalten. Kein Wunder, dass man auf der Nehrung stets gut gepflegte widerstandsfähige Pferde hielt, dien man in den Sommermonaten frei in den Wäldern herumlaufen ließ, zur Verwunderung mancher Gäste und gar manches Mal mit einem Elch verwechselt! "Pferde holen", das war ein besonderer Sport, und es gab wohl kein Fischerkind, Junge oder Mädel, das nicht auf einem bloßen Pferderücken mit großem Geschick zu reiten verstand. (siehe auch Fotogalerie Winter)

Räuchern

Auch die Fischräucherei wurde eifrig betrieben, hauptsächlich Flundern und die ebenso köstlichen wie fettriefenden Aale. In kleinen, verdeckten Gruben schwelten die "Schischken", die Kienäpfel des Waldes, und daneben saßen dann die alten Fischerfrauen mit ihrem Strickzeug, um den Rauch zu beaufsichtigen. All dieses, der feine, etwas beißende Qualm aus den Räuchergruben, die ziehenden Segel am Horizont, die ruhenden Boote im Hafen, die trocknenden Netze im wind, der sein Garn flickende alte Fischer vor der Tür und die bereiften, erstarrten vom Haff heimkehrenden Fischer, all dieses gab den Nehrungsdörfern ihr eigentliches Gepräge und schloß die ganze Romantik, aber auch die ganze Härte eines Fischerlebens in sich ein.

Mit kleinen (Motor)-Booten wurde vorwiegend in der Ostsee gefischt.

 

 

Aus: Die kurische Nehrung. von Margarete Kudnik, Hg.: Die Ostpreussische Landsmannschaft Ostpreußen, Abteilung Kultur, S.10, 11, ca. von 1969 (keine Jahresangabe)