Die Bewohner/innen der Nehrung

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Fischerfrauen

 

Text von Margarete Kudnik (Anmerkung zu den Texten)


Wer die Nehrungsmenschen gekannt hat, wird ihr Bild und Wesen nicht so leicht vergessen: meist große, kräftige, gesunde Gestalten, die Männer bärenstark, braunverbrannt und wetterhart, die Frauen mit feinen, stillen Gesichtern und tiefgründigen Augen, aus denen manch geheime Sorge, manch stummes Leid und stille Ergebenheit sprach. Und doch waren sie alle irgendwie erfüllt von von einer großen Freude am Leben und den Fremden gegenüber waren sie gastfrei und aufgeschlossen und ohne Scheu. Wenn auch Bezzenberger feststellte, daß man die Sangeslust des litauischen Volkes vergeblich auf der Nehrung suche, und dies mit dem schweren Kampf ums Dasein erklärte, so haben wir uns doch oft genug an den hellen Stimmen der Mädchen erfreut, wenn sie in ihren alten, kleidsamen Trachten über die Dorfstraße schlenderten und die schönen litauischen Dainos sangen. Oder Sommergäste und Fischerwirte saßen in den Abendstunden friedlich beisammen vor der Tür, und zu dem gemütlichen Schifferklavier erklangen die altbekannten, oft ein wenig wehmütigen Fischerweisen.

Natürlich waren die Nehrunger fast alle untereinander verwandt; die Namen Toll, Gulbis, Schekan, Pietsch, Rhesas und Blode und wie sie alle heißen mögen, waren in jedem Ort meist mehrfach vertreten. Von Amts wegen wurden sie nummeriert, aber im nachbarschaftlichen Leben waren sie durch treffende Spitznamen wohl zu unterscheiden. Der "Afrikaner" oder der "Bong" (weil er französisch sprach) oder der "Cognac", sie werden ihre Namen behalten, ob sie nun unter der Erde liegen oder irgendwo ein neues Leben begannen.

Der Abstammung nach waren die Nehrunger zumeist Deutsche und im nördlichen Teil Litauer. Dazu gab es noch Reste des alten, von den Letten abstammenden Kurenvolkes. Die kurische Sprache hatte sich bei den Fischern noch bis in die letzte Zeit erhalten; sie hatte einen seltsam geheimnisvollen Klang und wird nun wohl leider bald ganz vergessen sein. Die Christianisierung ist verhältnismäßig spät zu der abgelegenen Nehrung gedrungen und vor allem sehr spät wahrhaft in die Herzen der Nehrunger eingedrungen. Sonst hätten sich nicht die Spuren alten Heidentums bis in das 18. Jahrhundert erhalten. Um diese Zeit wird noch von Opferfeuern berichtet, die im geheimen von einem "Weideler", das ist ein Zauberer, auf den Dünen angezündet wurden, um den treibenden Sand zum Stillstand zu bringen. Und was man tun musste, um die Fische zu behexen und sie in Netz zu bringen, das wußten die Weideler auch. Die Pfarrer hatten daher oft keinen leichten Stand, abgesehen davon, dass sie von einem Ort aus meist drei Dörfer versorgen mussten. Als die große Versandung begann, haben die Nehrunger unermüdlich für ihre Gotteshäuser gekämpft, bis sie das Gebälk abbrachen und an einem anderen Ort wieder aufbauten, unerschütterlich in ihrem Vertrauen und ihrer Lebenskraft. So waren sie denn auch von einer tiefen, schlichten Frömmigkeit. Ihr feierlicher Kirchgang, ihre Liebe zu den alten Bräuchen, ihre Sorge um ihre Toten und ihre stille Dankbarkeit, wenn sie einen Ertrunkenen doch noch in geweihter Erde bestatten konnten, zeugen davon. Nicht zuletzt auch die Sinnsprüche, die man in den Bug ihrer Kähne eingeschnitzt fand: "In Gottes Hut - da fährt sich's gut." Oder "De salten See, de nimmt, wat se hett gewen - de gode Gott, wat he nimmt.".

Aus: Die kurische Nehrung. von Margarete Kudnik, Hg.: Die Ostpreussische Landsmannschaft Ostpreußen, Abteilung Kultur, S.9, 10, ca. von 1969 (keine genaue Jahresangabe)